Stirper Schützenfestimpressionen
aus der Sicht eines Jungschützen


Einmal im Jahr is Ausnahmezustand in Stirpe. Diese Orgie heißt Schützenfest. Dann wird `n Zelt am Brookweg aufgebaut und mindestens drei Tage getestet, wie viel Ballerbrühe die alte Karkasse noch aufsaugen kann. Man vergisst die Streitigkeiten mit seinem Nachbarn – stattdessen spült man alle Meinungsverschiedenheiten mit einem ordentlichen Schluck Gerstensaft die Kehle herunter und marschiert sich in seiner Kompanie dumm und dusselig. Das eigentliche Schützenfest fängt ja schon Tage vorher an. Mit Kränzeflechten, Fähnchen anne Straßenlampen nageln oder weiß der Henker: Haupsache mit`m Trecker rumfahren und Kiste Bier dabei. Während die Männer in der Wildnis das gefährliche Tannengrün erlegen, sitzen die Weibchen im Kreis und basteln daraus meterlange Kränze. So wird die traditionelle Rollenteilung gefestigt und keiner kommt auf dumme Gedanken.

Was es heute auf dem Stirper Schützenfest kaum noch gibt sind Schlägerei. Dies ist die Form, in der der Mann vom Lande einem andern sagt, dass er ihn lieb hat. Und nach der Massenschlägerei in der Sektbar waren alle Männer Blutsbrüder.

Es gibt auch Männer, die gehen zum Pinkeln in den Toilettenwagen, die haben die Hoffnung schon aufgegeben, dass da draußen in der Wildnis noch irgendwas zu löten wäre. Aber auch bei den andern sieht die Realität nich besser aus: nach dem urinieren kommen sie total gefrustet wieder zurück ins Zelt. Früher entlud sich dann der Frust in einer homoerotischen Ersatzbefriedigung: der Massenschlägerei. Haben wir schon gesehen: gibs heute kaum noch. Was bleibt also: Körper stilllegen durch Alkoholzufuhr. Das hört sich einfach an, isses aber nich, weil beim Schützenfest in Stirpe gibt es festgelegte Rituale, die man unbedingt beachtet muss:

1. Ein Bier bestellen geht überhaupt gar nich. Damit sagt man, dass man n` knickriger Schützenbruder is, keine Freunde hat oder Antialkoholiker, quasi das Allerletzte.

2. Also immer mindestens zehn Stück, einen Meter oder ein ganzes Tablett. Nie vorher abzählen, wie viele Leute um einen herumstehen und dann genau die Anzahl bestellen. Wenn man wiederkommt sind es sowieso immer mehr. Wenn dann noch der Spies in der Runde steht und kein Bier mehr für ihn übrig ist, wird es richtig ernst. Dann heißt es: Schleimen bis zum geht-nich-mehr und Bier holen für die ganze Kompanie. Am besten also irgendeine Zahl jehnseits der zehn über die Theke grölen und ab dafür.

3. Ganz falsch: Die Umstehenden fragen, ob sie überhaupt noch ein Bier haben wollen. Wichtige Regel: gefragt wird nich. Hohenfelder vernichten ist schließlich kein Spaß - meinen zumindest einige.

4. Wenn der Stoff da is, nich blöd rumgucken und überlegen, wem man denn eins in die Hand drücken soll. Am besten die Gläser wild in der Umgebung verteilen, denn nur so zeigt man seine Großzügigkeit. Es sei denn es sind Völlinghäuser in der Gegend. Da sollte man dann mit dem Bier ein bisschen vorsichtig sein. Man hat Gerüchte gehört, dass die von der anderen Seite der B1 nich so viel vertragen sollen.

5. Wer zahlt wann welche Runde? In der Regel kommt jeder der Reihe nach dran. Ganz miese Schützenbrüder trinken die ersten neun Runden an der Theke mit und wenn sie an der Reihe wären, müssen sie plötzlich für kleine Schützen. Oder man hat Glück und es gesellt sich jemand vom Vorstand unter die Trinkbrüder, der ganz spontan eine Runde schmeißt, danach sofort wieder geht und absolut kein weiteres Bier mehr ausgegeben haben will. Der erste Besteller bestimmt meist die Dauer des Projekts: Wenn er zwölf Bier bestellt, müssen alle solange warten, bis zwölf Runden durch sind. Wichtig ist, dass der Strom nie abreißt. Also wenn alle noch die Hälfte im Glas haben, sofort die nächste Runde ordern und das neue Glas in die Hand drücken. Was voll peinlich is: Mit zwei Gläsern in der Hand an der Theke stehen, deshalb is Tempo angesagt beim reinschütten - is schließlich kein Völlinghäuser Schützenfest, was wir hier feiern.

6. Richtig fiese Stirper bestellen zwischendurch noch ne Runde Korn oder die absolute Hölle: "Wacholder". Eine Art durchsichtiges, flüssiges Tannengift, dass mit dem Eiter von toten Eseln verfeinert wurde. Hier wird's richtig ernst. Sollte sich sowas andeuten, kann man bloß noch die Flucht ergreifen, speziell bei den Kameraden der ersten Kompanie stellen sich da die Haare zu Berge. Merke: Mit etwas Glück kann man Biersaufen auf`m Schützenfest überleben; nach Wacholder weigert sich allerdings sogar der Notarzt, diese Schweinerei wiederzubeleben.

7. Jungschützen! Ja auch die gehören leider dazu - dies mag sich der ein oder andere jetzt sicherlich gedacht haben. Denn die meisten denken, wenn sie Jungschützen zu Gesicht bekommen, dass das junge Volk nur einen Gedanken im Kopf hat: "Ein` trinken!". Dies mag ja auch teilweise nicht falsch sein, zumal die Jungschützen bei jeder Versammlung mehr Gerstensaft verdrücken, als die restlichen anwesenden Vereinsmitglieder zusammen. Außerdem: Wer erinnert sich da nicht gern an einen Jungschützenbruder der beim Marschieren auf den Höfen mal aus der Reihe „getanzt“ ist? Aber natürlich sind sich alle einig, dass die Tradition des Stirper Schützenfestes ohne die zahlreichen Jungschützen nicht fortgeführt werden könnte. Zudem verrichten sie schon jetzt wichtige Dienste im Verein wie etwa gesehen beim Martinsspiel 2003. Jungschützen werden auch immer gerne zum Bierholen verdonnert – man darf dabei nur nicht vergessen, dass es dann üblich ist, dass der freundliche Jungschütze gleich ein ganzes Tablett für sich in Anspruch nimmt und dies unter den Kameraden seines Alters verteilt!

8. Konsequent durchgezogen, bist du normalerweise aufm Zelt um halb neun stramm wie die Kesselflicker, besonders samstags, eigentlich auch sonntags und montags sowieso. Geht natürlich nich, weil du kannst ja so früh noch nich nach Hause, wegen Verdacht auf Weichei. Was also dann?

Pausen machen! Dafür sind u.a. zwei Sachen vorgesehen: Bratwurstessen und Tanzen.

Erstens: Bratwurstessen
Vorteil: an der Bude gibt's kein Wacholder, da bist Du also ne zeitlang sicher vor der Alkoholvergiftung durch Andere. Nu sind die Bratwurststände auf Schützenfesten immer so konzipiert, das die Nachfrage immer größer ist als das Angebot. In der Bude arbeiten auch meistens Fachkräfte, denen man beim Grillen die Schuhe besohlen kann. Einzige Qualifikation: sie können mit einem Sauerstoffanteil in der Luft von unter 1% überleben, deswegen wirken sie auch so scheintot. Nu sagt der Laie: wat'n Scheiß, das könnte man doch viel besser organisieren: zackzack kämen die Riemen übern Tresen. Falsch: die mickrigen Bratwurstbuden mit den Untoten am Grill stehen da nich aus Versehen, sondern absichtlich. Hier kann man Asyl beantragen von der Trinkerei und je länger man auf den verkohlten Prengel warten muss, desto größer die Überlebenschance. Das Warten hat also auch seine Vorteile.

Zweitens Tanzen:
Im Vergleich zu Bratwurstessen natürlich die schlechtere Wahl, weil anstrengend und mit Frauen. Aber irgendwann geht halt keine Phosphatstange mehr rein in den Pansen und du musst in den sauren Apfel beißen. Also zack, eine Stirperin von den Stühlen gerissen und irgendwie bescheuerte Bewegungen machen zu der fetzigen Musik von „Just for fun“. Wenn Du Glück hast, spielt die Kapelle mehr als zwei Stücke und du kannst dir ein paar Bier ausse Rippen schwitzen. Hast du Pech, kommt sofort nach'm ersten Stück der Thekenmarsch und du stehst wieder da, von wo du gerade geflohen bist.

Drittens: Sektbar
Eine richtig gruselige Bude. Hier isses so voll und eng, hier bleibst Du auch noch stehen, wenn's eigentlich gar nich mehr geht. Es soll schon Kriegsverletzte gegeben haben, denen hat man in der Sektbar beide Beinprothesen geklaut und sie habens nich gemerkt. Doch der Preis, den du für die Stehhilfe zahlst is' hoch: Du musst Sekt schlürfen aus so mickrigen Blumenvasen, die man von der Spermaprobe beim Urologen kennt. Ziemlich eklig alles. Wenn`s keine Sektbar gibt, gibt's meist ne Cocktailbar, so wie in Völlinghausen. Cocktail heißt da aber nich Caipirinha oder Margerita sondern Fanta/Cola oder Cola mit Fanta. Also vorsichtig: Hier kanns für Bewohner aus dem Kaff mit dem Esel ganz schnell zuende gehen. So besäuft sich der kritische Verbraucher und hat es ruckzuck geschafft. Doch bevor du nach Hause darfst, kommt noch ein ganz wichtiger Punkt, nämlich....

Viertens: Sich den Mageninhalt einmal durch den Kopf gehen lassen
Klingt komisch, du wirst aber dankbar sein, wenn dein Körper, dir dieses Geschenk bereitet. Du hast Platz für neue Currywürste gemacht und vielleicht sogar Glück, dass du die letzten zwanzig Bier noch erwischt, bevor sie dein Gehirn erreicht haben. Der Profi jedenfalls übergibt sich oft und gern. – So jetzt wären wir auch schon bald beim Nachhause gehen. Haha. Wenn du aber den Zeitpunkt verpasst hast, und du kommst vom Pinkel oder der Mageninventur wieder ins Zelt und es sind bloß noch zwanzig Mann übrig. Ätsch: Arschkarte gezogen. Denn jetzt heißt es:

Fünftens: Die Letzten
Ab jetzt geht es um so spannende Sachen wie Fassaussaufen - es is immer mehr drin, als Du denkst - oder Absacker trinken. Wenn's ein Wacholder ist, kannst du dir gleich den Umweg über den Notarzt sparen und den Bestatter anrufen. Jeder passt jetzt auf, dass keiner heimlich abhaut. Die ersten sacken einfach so vor der Theke zusammen, damit sie jedenfalls nich noch mehr trinken müssen.

Sechstens: Nach Hause
Fällt aus. Mach dir keine Illusionen: alleine schaffst du´s eh nich mehr und Taxen würden dich sowieso nich mitnehmen. Deine Freundin kommt nich, um dich zu holen, die is froh, dass dieses Wrack nich in ihrem Schlafzimmer liegt und der Gestank in die Möbel zieht. Was bleibt ist:

Siebtens: Der Morgen danach
Die ersten Sonnenstrahlen brechen durch die Ritzen in der Zeltfestplane. Du wirst wach von einem Zungenkuss, wie du ihn noch nie in deinem Leben gekriegt hast. Leidenschaftlich küsst du zurück. Dann machst du deine verklebten Augen auf und blickst in das fröhliche Gesicht des zotteligen Köters vom Festwirt. Und mit einem eigenen Beitrag zum Thema Würfelhusten fängt der Tag wieder an. Wenn du Glück hast ist jetzt schon Montag Morgen und es kommt gleich zum leckeren Schützenfrühstück - das heimliche Highlight eines jeden Schützenfestes. Die umwerfende Brühe, die man dort alljährlich aufgetischt bekommt bringt dir wieder die Farbe ins Gesicht, die du die letzten drei Tage vermisst hast. Schnell darauf wirst du aber wieder in die Realität zurück geholt. Zuerst gibt der Ehrenoberst ein Fass und dann kommt das absolute Grauen, nämlich:

Achtens: Das Biergericht
Hier wird alles aufgetischt, was du verzweifelt versucht hast zu vertuschen - und das vor dem gesamten Verein! Da müssen schon mal gerne Rollmöpse vernascht oder Erdbeeren aus Nachbars Garten geklaut werden.

Ich freue mich jedenfalls schon wieder auf's nächste Schützenfest am Brookweg!

Bis zum nächsten Jahr!